Mehr ist besser, stimmt schon lange nicht mehr

10 Grad. Herbstlicher Nebel. Ein Wiener Gastgarten und zwei, die über Gott und die Welt, Sehnsucht und Orientierung, Gegenwart und Zukunft und das Anliegen geredet haben, die wahren Geschichten zu finden. Ich traf Story Dude Markus Gull zum Outdoor-Tee und erwärmte mich an einem schönen Gespräch.

Von Doris Passler


Markus Gull will vor allem eines, inspirieren. Foto © Micheal Oben


Salon Profession: Markus, was bist du von Beruf?

Markus Gull: Ich bin Brandstifter. Und zuvor noch Unruhestifter und Anstifter.

Wozu stiftest du an?

Meine Irrfahrten haben mich letztlich in einen Hafen geführt, wo ich bemerkt habe, dass es meine Aufgabe ist, Menschen, Organisationen und Unternehmen dabei zu helfen, das Feuer in ihrem Leuchtturm anzuzünden.

Wie kommt dein Zündeln an?

Sehr, sehr gut, weil die Menschen in einem für mich erschreckendem Ausmaß ihre Orientierung verloren haben.

Leuchttürme aber geben Orientierung und das Feuer, das in ihnen brennt, wird von Werten genährt.

1986 hat Peter-Michael Lingens das wunderbare Buch 'Auf der Suche nach den verlorenen Werten' geschrieben. Ich glaube, die Suche dauert an.

Viele reden von einer Renaissance der Werte.

Meiner Meinung nach ist es eine Renaissance der Sehnsucht nach den Werten.

In unserer Zeit, in der vielerorts alles im Überfluss vorhanden ist, sind Orientierung und Perspektiven Mangelware.

Über meine ganze Berufslaufbahn hinweg habe ich mich damit beschäftigt und bin erst ganz spät draufgekommen, worin meine eigentliche Gabe liegt.

Worin?

Da gab es ein paar Schlüsselerlebnisse. Beim Überarbeiten meiner Website etwa fand ich einen Ordner, in dem ich Kundenfeedbacks gesammelt habe. Ich stellte fest, sie hatten alle etwas gemein: In jedem einzelnen stand 'Inspiration'. Lange dachte ich, ein gutes Feedback wäre: 'Du hast uns etwas beigebracht.' Aber in Wirklichkeit hab' ich die Leute angestiftet, über ihre Muster hinaus zu denken. Eine weitere Erkenntnis erlangte ich durch meine Coachings, die ich zu sechs Themen anbiete. Drei befassen sich mit dem Handwerklichen rund um Story, drei mit Metathemen. Was glaubst du, welche gebucht werden?

Zweitere?

Genau. Storytelling ist ja bloß die Form, an der sich alle gerne festhalten. Jeder Mensch, jedes Team, jede Gesellschaft hat aber zwei Stories:

Die eine erzählt was war. Die andere kommt aus dem Inneren und erkundet die Wahrheit. So wie wir auch zwei Glücks(e) haben. Das äußere, hedonistische Glück. Und das innere, das man so wunderschön das eudaimonische Glück nennt.


Du bist wohl auch Glücksforscher.

Hm, zumindest fühle ich mich nicht berufen Goethe zu widersprechen, der sagte:

Willst du glücklich sein im Leben, trage bei zu and‘rer Glück. Denn die Freude, das wir geben, kehrt ins eig‘ne Herz zurück.

Mehr muss man eigentlich nicht wissen. Das macht uns Menschen aus. Wir sind soziale Wesen und das ist auch, was Story letztlich tut. In allen Kulturen, Epochen und Gesellschaften findet sich dieser Kern in Erzählungen wieder. Die Berührung unserer Herzen. Egal, ob es die metaphorische Welt des Christentums ist oder im Buddhismus, im Jüdischen oder im Koran. Es geht um dasselbe, nur anders erzählt.

2020 ist ein besonderes Jahr. Ein brüchiges Jahr. Welche Geschichte können wir uns erzählen?

Brüchig ist ein wunderschönes Stichwort. Ein anderer weiser Mann – Leonhard Cohen – hat in seiner 'Anthem' gesagt:

'There is a crack, a crack in everything. That's how the light gets in.'


Die Brüche sind die Orte, wo das Licht hereinkommt.

Ich möchte jetzt nicht zynisch verstanden werden, aber Corona ist so etwas wie ein Mentor.

Mentoren sind auf der Welt, uns – die wir in unseren Zimmern im Dunkeln gegen die Wand laufen – zu zeigen, wo die Tür ist. Es wäre jetzt unsere Chance, zu sehen, wo das Licht hinfällt. Während des Lockdowns im Frühling habe ich dazu einen Artikel geschrieben. Er heißt: Wendezeit - wer wirst du gewesen sein?

Es ist ein Appell, das Momentum zu nutzen und einen neuen Blick auf die Welt zu werfen.

Es wäre so wichtig, dass wir in Bewegung kommen. Die Umstände, die Corona sichtbar machen, werden uns nicht verlassen. Wir müssen endlich anfangen, uns selber und einander eine neue Geschichte zu erzählen.

Mehr ist besser, stimmt schon lange nicht mehr.


Kritik an diesem Paradigma gibt es seit Jahrzehnten, etwa vom Club of Rome mit 'Die Grenzen des Wachstums' oder Ökonomen wie Ernst Friedrich Schuhmacher oder Leopold Kohr. Die Menschheit scheint unbelehrbar.

Wir werden sehen. Ich habe letztens jemanden gecoacht, der in der Krebsforschung arbeitet. Krebs ist ja unkontrolliertes Wachstum – die kranken Zellen könne vom Immunsystem nicht mehr entfernt werden. Da wurde mir klar: Unsere Gesellschaft hat Krebs. Das Immunsystem unserer Gesellschaft funktioniert nicht mehr.

Wo müsste man ansetzen, um unser Immunsystem zu stärken?

Vielleicht am Anfang. Es gibt eine unfassbare Menge guter Ideen in der Welt, die in einer gespenstischen Weise ungenützt bleiben. Nehmen wir das Schulsystem, das fälschlicherweise als Bildungssystem bezeichnet wird. In Wirklichkeit ist es nur ein Informationsvermittlungssystem. Wir fördern nicht Talente, sondern versuchen Mängel auszumerzen und alle auf Gleichstand zu bringen.

Wir verwechseln Ausbildung mit Bildung.

Ich frage mich, warum bekommt jemand mit Bestnoten in Mathe nicht Förderung, die sie/ihn zur Exzellenz führt? Lieber produzieren wir funktionierende Abwickler*innen statt Visonär*innen.

Den Kindern wird schon in der Schule die Freude am eigenen Talent genommen.

Das ist eine Sünde. Wie wollen wir so das wahre Potenzial der Menschheit nutzen? Ich bin überzeugt, die Ursache liegt auch daran, dass wir von unserer Spiritualität getrennt leben. Wir sind doch nicht nur da, um zu funktionieren. Wir bestehen aus zwei Teilen: Der Vernunft und dem, was uns Menschen zu Menschen macht.

Ich denke, dass die Brüche unserer Zeit jenen Sinn haben, dass wir wieder einen positiven Zugang zu unserer Spiritualität finden.

Das meine ich nicht esoterisch. Es gibt einfach etwas über die Vernunft hinaus, das uns menschlich macht. Wir können Dinge tun, die über einen unmittelbaren Nutzen hinausgehen. Da liegt eine große, wachsende Sehnsucht der Menschen heute. Nicht umsonst füllen Motivational Speaker Hallen mit bis zu 15.000 Menschen, die quer durch alle Gesellschaftsschichten nach ihrer Bestimmung suchen.


Nicht nur die einzelnen Menschen auch Unternehmen, Marken und Organisationen suchen nach ihrem Daseinszweck. Manche finden deinen Rat. Wie hilfst du weiter?

Ich stifte sie dazu an, von innen heraus die eigene, wahre Geschichte zu finden. Das 'Why' wie es schon Simon Sinek, der Erfinder des Golden Circle rund um den Purpose sagte. Aber Achtung: es geht ums Finden, nicht ums ERfinden. Darum habe ich mit der Werbung aufgehört. Mir geht es um einen ganzheitlichen Zugang.

Kennst du das? Es gibt irgendetwas Neues auf dem Markt und man denkt sich: Das ist doch genau meine Idee.

Natürlich. Ideen suchen sich Menschen als Medium. Wenn man aber nicht bereitsteht, suchen sie sich jemand anders, der sie in die Welt bringt und man kriegt vom kosmischen Kramperl eines drübergezogen (lacht).

Nicht jede/r verfügt über ein unternehmerisches Mindset. Das wird unseren Jüngsten spätestens in der Schule ausgetrieben.

Ja leider. Kinder denken per se unternehmerisch. Es wäre eine große Chance, Entrepreneurship in Schulen zu verankern. Ich möchte Johannes Lindner erwähnen. Er ist Wirtschaftspädagoge und zählt weltweit als Geschäftsführer der Initiative for Teaching Entrepreneurship zu den führenden Experten für Entrepreneurship Education. Sein Bestreben ist es, Kindern unternehmerisches Verhalten wieder nahezubringen. Ich finde das großartig und dringend notwendig.

Wenig überraschend fehlt es der Menschheit auch an Leadership.

Wir haben heute einen unfassbaren Mangel an Anführer*innen in der Welt. Politiker*innen werden inzwischen mit Leuten verwechselt, die Wahlen gewinnen sollen. Das tut unserer Gesellschaft sehr weh.

Wahre Leader hingegen haben ein Bild von einer erstrebenswerten Zukunft und laden ihre Community dazu ein, dieses mit Farbe und Leben zu erfüllen.

Antoine de Saint-Exupéry sagte: 'Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer.“ Begeisternde Anführer*innen in Unternehmen, Vereinen, in der Politik oder im Freundes- und Familienkreis bringen Bewegung in Menschen und Menschen in Bewegung, weil sie ihre Herzen ansprechen und Hoffnung auf ein besseres Morgen wecken.

Der einzige und beste Weg dorthin führt nicht über Fakten, sondern über Sehnsucht und die Kraft von Story.

www.markusgull.com